20011106
Rede von Tayfun Keltek am 06.11.2001 in Köln
„Migration in die Türkei“
Sehr geehrter Herr Generalkonsul Sönmezay,
Sehr geehrter Dr. Matzerath,
Sehr geehrte Damen und Herren,
in diesen Tagen feiern wir das 40. Jahr der Arbeitsmigration aus der Türkei. Ich habe zu meiner großen Genugtuung bei den Redebeiträgen zu dieser Migration immer wieder festgestellt, daß sie zur Entwicklung und zum Aufbau der Bundesrepublik sehr viel beigetragen hat. In der Vergangenheit hatten wir leider viel zu oft entgegengesetztes gehört: nämlich daß diese Migration als Belastung für die Wirtschaft und Gesellschaft, insbesondere für die Kultur empfunden wurde. Daß Migration eine Bereicherung für jede aufnehmende Gesellschaft darstellt, kann man meines Erachtens, gerade in Deutschland, nicht oft genug wiederholen.
Im Oktober des Jahres 1933 wurde der zehnte Jahrestag der Gründung der Republik Türkei gefeiert. Am Anfang dieses Jahres kamen die ersten Migranten jüdischen Glaubens aus Deutschland. Die Aufnahme dieser Migranten stellte neben dem Schutz dieser Menschen vor dem Naziterror auch eine erhebliche Bereicherung für die wissenschaftliche und staatspolitische Entwicklung der Türkei dar.
Die Türkei kämpfte in diesen Jahren mit dem Problem des Mangels an Wissenschaftlern, da durch die rasante Verwestlichung der türkischen Gesellschaft in den vergangenen 10 Jahren die bestehende Elite des Landes überfordert war, mit der Entwicklung Schritt zu halten.
Das neue Rechtswesen hatte plötzlich das Islamische ersetzt. Das bürgerliche Recht, das Handelsrecht, das Strafrecht, das Parteien- und Wahlrecht waren plötzlich so verändert, daß die Juristen das Landes sich in ihrem Fach nicht mehr ausreichend auskannten. Die Abschaffung des Islams als Staatsreligion und die Einführung der Demokratie mit dem Wahlrecht für alle Bürger, einschließlich Frauen, schaffte weitere Verunsicherung.
Die Änderung des Alphabets von der arabischen zur lateinischen Schreibweise machte die gesamte Bevölkerung zunächst über Nacht zu Analphabeten, um einige der wesentlichen Veränderungen zu nennen.
Diese Reformen sind zwar einmalig in der Geschichte der Menschheit; in dieser Dichte und in dieser Schnelligkeit. Dazu auch ohne Blutvergießen. Aber sie liefen naturgemäß nicht reibungslos ab. Und gerade deshalb waren in dieser Zeit Rechts- und Wirtschaftswissenschaftler neben den Naturwissenschaftlern aus Deutschland herzlich willkommen.
Die neue Republik Türkei konnte mit ihrer Hilfe weiter ausgebaut werden und Atatürk‘s Reformen konnten zügiger Fuß fassen.
Diese Migration stelle eine Symbiose bester Art dar. Die Zuwanderer halfen dabei, den neuen Staat aufzubauen, ihnen selbst wurde Schutz vor Verfolgung und eine wirtschaftliche Existenz geboten.
Einer dieser Migranten, Philipp Schwartz sagte bei den 10-Jahresfeiern der Republikgründung folgendes:
Ich zitiere
“Sie kamen direkt aus Deutschland, wo sie verachtet und verfolgt, ihre oft alten Patrizierhäuser verließen oder aus bescheidenen Bordingshäusern Englands, aus überbevölkerten billigen Pariser Pensionen, in welchen sie als bedrängte Emigranten weilten. Nun lebten sie in glücklicher Erregung von einem gastfreundlichen Volk umgeben, frei, als verehrte, ja verwöhnte Einwanderer.“ Zitatende.
Diese Menschen wurden in der Tat, verglichen zu den damaligen wirtschaftlichen Verhältnissen der Türkei fürstlich entlohnt und genossen ein sehr großes Ansehen in der Bevölkerung wie im Staatswesen.
Das waren allerdings nicht die ersten Erfahrungen der Türkei mit den Menschen jüdischer Volkszugehörigkeit und Religion.
Bereits im 16. Jahrhundert schickte der osmanische Sultan Schiffe nach Spanien, um die dort vertriebenen Juden ins Land zu holen und ihnen Asyl zu gewähren. Eine für heutige Verhältnisse vorbildliche Tat, wenn man bedenkt, wie einige islamische Gruppierungen zu den Juden stehen und der humanitäre Gedanke in der Weltbevölkerung entwickelt war.
Auch heute unterhält als einziges islamisches Land die Republik Türkei beste Beziehungen zum Staat Israel.
Durch die Betonung der Wissenschaftler könnte der Eindruck entstehen, daß damals alle jüdischen Migranten aus Deutschland Wissenschaftler waren. Dieser Eindruck täuscht. Vor allem fanden unter ihnen viele Sozialdemokraten, österreichische und deutsche Kommunisten, aktive Katholiken und Protestanten, Homosexuelle, d.h. eine ganze Palette von verfolgten Menschen, egal welchen Berufs, Zuflucht in der Türkei. Ein Teil von ihnen lebt heute noch in der 3.- 4. Generation dort.
Ich freue mich, daß wir mit dieser Ausstellung die Gelegenheit bekommen uns auch an diese Migration und an diese Migranten zu erinnern. Die Erfahrungen der Türkei aus der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts sollten vor allem auf die heutige Migration in Deutschland ein Licht werfen können.
Es wäre schön, wenn auch deutsche Politiker und Meinungsmacher aus diesen Erfahrungen schöpfen und einen Perspektivwechsel in Punkto Migration in Deutschland einleiten würden.
Diesen Meinungsumschwung brauchen das Land und die Gesellschaft in der Tat dringend, wenn wir das gleichberechtigte, friedliche Zusammenleben fördern und unsere Demokratie weiter ausbauen wollen. Vor allem die politischen Rechte dürfen den deutschen Inländern mit ausländischem Paß nicht länger vorenthalten werden.
Ich möchte mich bei der Stadt Köln in diesem Sinne ganz herzlich bedanken, daß sie diese bedeutende Ausstellung gerade jetzt organisiert hat.