20010412
LAGA-Pressemitteilung vom 12. April 2001
Nicht die türkischen Migrantinnen und Migranten für die langjährigen Versäumnisse der Politik verantwortlich machen
„Migranten, die mangelnde Sprachkenntnisse aufweisen, mit Sanktionen wie die Kürzung von sozialen Leistungen zu drohen oder gar zur Ausreise zu zwingen, würde nicht nur das Ziel verfehlen, sondern auch die Schwächsten unter den Migranten treffen“ sagt Tayfun Keltek, Vorsitzender der Landesarbeitsgemeinschaft der kommunalen Migrantenvertretungen Nordrhein-Westfalen (LAGA NRW). Vielmehr müssen die Bedingungen des Spracherwerbes verbessert werden. Zur Zeit kann man bilanzieren, daß das Angebot in diesem Bereich sehr mangelhaft ist und den Anforderungen einer modernen Migrationspolitik, wie man sie aus anderen Ländern kennt, nicht entspricht. Viele Interessierte finden ohnehin keinen Platz in Sprachkursen, da sie belegt oder zum Teil überbelegt sind. In den letzten Jahren mußten ein Drittel der Kurse aus finanziellen Gründen gestrichen werden, und daran haben diejenigen, die die Kurse benötigen, keine Schuld. In dieser Situation hilft es nicht mit Strafmaßnahmen zu drohen. Erst wenn diese Misere behoben worden ist, d. h. wenn genügend Sprachkurse für unterschiedlich vorhandene Sprachkenntnisse angeboten werden, kann man feststellen, wie hoch das Interesse seitens der Migranten ist.
„Die Bedeutung der Sprache zur Integration der Zugewanderten besitzt zwar eine zentrale Funktion, darf aber nicht zum Selbstzweck werden“, sagt der in der Türkei geborene Sportlehrer.
Keltek bedauert das fehlende Fingerspitzengefühl in den Äußerungen mancher Politiker, die aus sozialen Problemen ethnische machen. Wenn bei jeder Gelegenheit mahnend auf Defizite der „Ausländer“ hingewiesen wird, dann ist es kein Wunder, wenn diese sich mit verletztem Selbstwertgefühl in die eigene ethnische Gruppe zurück ziehen.
Der Vorwurf, daß in den sogenannten „Ghettos“ Migranten sich in ihre eigene Sprache und Kultur zurück ziehen, stimmt in der Form nicht. Denn die Entstehung von Stadtteilen mit überwiegend Migrantenanteil hat verschiedene Ursachen, an denen nicht nur die Migranten schuld sind. Fakt ist, daß den finanziell schwachen Migranten nichts anders übrig bleibt, als in die Stadtteile zu ziehen, in denen die Mieten bezahlbar sind. Dies bedeutet für sie, sich mit einer niedrigeren Wohnqualität abfinden zu müssen. Wer würde nicht gerne in einem besseren Stadtteil wohnen wollen, wenn die Möglichkeit dazu bestünde.
Bedingt durch den latenten Rassismus, dem die Migranten tagtäglich ausgesetzt sind, baut mancher Integrationswillige eine unsichtbare Mauer um sich herum, deren Überwindung nicht immer aus eigener Kraft möglich ist.
Den türkischen Zuwanderern „mangelnde Integrationsbereitschaft“ vorzuwerfen, wie dies von manchen Politikern zur Zeit zu hören ist, geht von der falschen Annahme aus, daß die Integration eine einseitige Leistung ist. Dies schadet dem friedlichen Zusammenleben aller Menschen in der Gesellschaft und wirkt als Zündstoff, dessen Nutznießer nur die rechtsextremistischen Gruppen sein können.