20011214
LAGA-Stellungnahme zur PISA-Studie vom 14.12.2001
„Klassenziel verfehlt! Sitzengeblieben!“
„So muss man die deutschen Ergebnisse der PISA –Studie bewerten, wenn man Chancengleichheit zur wesentlichen Aufgabe des Schulsystems erklärt“, sagt Tayfun Keltek, Vorsitzender der LAGA NRW.
Allerdings zeigen die Ergebnisse der PISA-Studie beides: Schule auf hohem Niveau ist auch mit SchülerInnen möglich, die einen Migrationshintergrund haben oder aus unteren sozialen Schichten kommen. Allerdings eher in Schweden oder Finnland als in Deutschland. Die Frage liegt nahe: warum sind in anderen Ländern bessere Ergebnisse bei vergleichbaren Voraussetzungen möglich? Wie kann hier konkret Abhilfe geschaffen werden, ohne in Aktionismus zu verfallen?
Konkret: 20% des getesteten Altersjahrgangs haben grundlegende Probleme beim Lesen, wobei mittlerweile jeder weiß: sprachliche Fähigkeiten sind eine wesentliche Voraussetzung für Lernen und Schulerfolg. Allerdings war dieser Befund absehbar. Denn die Kenntnis über diese reale Situation hat dazu geführt, dass am 18.01. 2000 die LAGA NRW ihr Positionspapier vorgelegt hat: „Integration konkret: die Schulerfolge der Migranten verbessern!“ Hauptbefund: Die Schulen sind immer noch nicht eingestellt auf die spezifischen Bedingungen, die eine Zuwanderungsgesellschaft mit sich bringt. Es fehlt an der Umsetzung von Konzepten, die Lernen in sprachlich heterogenen Klassen, darunter solchen mit SchülerInnen unterschiedlicher Muttersprachen, effektiv machen. Da liegt das eigentliche Problem. Die Konzepte selbst liegen vor, dies ist jedenfalls das Ergebnis einer vom Landesinstitut in Soest veranstalteten Tagung im Mai 1999.
Die LAGA NRW sieht drei wesentliche Schlussfolgerungen:
- Wir brauchen eine Unterrichtsreform, die Lehren und Lernen in sprachlich heterogenen Klassen effektiv macht. Es geht um die lange geforderte Individualisierung des Regelunterrichts, nicht um das Aufziehen neuer externer Förderschienen. Das bedeutet für die Grundschule vor allem eine zweisprachige, koordinierte Alphabetisierung in Deutsch und der Muttersprache in enger Kooperation von deutschen und muttersprachlichen LehrerInnen. Entsprechende Erfahrungen in NRW selbst, in Berlin, und in Hessen sind sehr erfolgreich. Neue Formen des Deutschlernens liegen auch für die Sekundarstufe I vor. Verwiesen sei auf die Empfehlungen „Deutsch Lernen in allen Fächern“ und „Deutsch als Zweitsprache“, wobei auch hier die Koordination mit dem Muttersprachlichen Unterricht wesentlich ist.
- Hauptproblem: mit der Unterrichtsreform muss eine systematische Umsetzungsstruktur entwickelt werden, die Schulen dabei begleitet und berät. Gerade in NRW fehlt es nicht an Ressourcen in diesem Bereich, sondern an einer effektiven Verwendung derselben. Im Gegenteil: Fortbildungen sind gestrichen worden. Das Thema wurde hintangestellt. Aus den erfolgreichen Konzepten hat sich bis heute kein Umsetzungskonzept entwickelt, das die Erkenntnisse einzelner Experten und der Schulpraktiker den Schulen zur Verfügung stellt. Hier liegt ein eklatantes Versäumnis von Schuladministrationen der verschiedenen Ebenen vor.
- Die frühe Selektion nach nur 4 Grundschuljahren und das vielfache Abschieben von Migranten auf die „Restschule“ Hauptschule gehen vielfach an den Möglichkeiten der Betroffenen vorbei, entmotivieren viele SchülerInnen und vermitteln keine Perspektiven. Leistung wird mit Auslese verwechselt. Statt jetzt in der Auswertung von PISA die Selektion zu verschärfen und noch mehr Tests durchzuführen (etwa bei den dreijährigen Kindern), ohne zu wissen, was man denn mit den Testergebnissen anschließend machen soll, muss überlegt werden, welche Art von Unterricht und Schulstruktur wir brauchen, um mehr Chancengleichheit zu verwirklichen. Die notwendigen Schritte im Vorschulbereich ersetzen nicht schulische Konzepte.
Nochmals:
Die Vorschläge der LAGA NRW haben von den Parteien, Berufsverbänden und Experten große Zustimmung bekommen. Trotzdem hat sich wenig bewegt. Das Ministerium für Schule, Wissenschaft und Forschung behandelt die Beschulung der Migranten immer noch als Außenseiterthema, und nicht als integralen Bestandteil von Schule. Praktische Schritte dürfen nicht mehr auf die lange Bank geschoben werden. Die LAGA NRW ist weiterhin bereit, sie mit zu beraten, mit zu tragen und zu unterstützen.