Quoten für Migrantenkinder an Schulen?
LAGA-Pressemitteilung vom 18.02.2003
CDU–Landeschef Jürgen Rüttgers fordert eine Diskussion über Quoten zur Begrenzung ausländischer Kinder in den Schulklassen.
Sein Argument: Wenn der Anteil ausländischer Kinder gleichmäßiger über
alle Klassen verteilt werde, könne die Integration besser gelingen.
Hierzu der Vorsitzende der LAGA NRW, Tayfun Keltek: „Offenbar schwebt
Herrn Rüttgers das amerikanische Beispiel aus den 60er Jahren vor
Augen: damals wurden schwarze Kinder per Bus in Schulen mit vornehmlich
weißen Kindern gebracht.
Das Problem ist aber: Integration kann man nicht bürokratisch von oben
verordnen. Zunächst einmal ist es notwendig, dass sich alle Schulen den
Migrantenkindern wirklich öffnen. Das heißt: sie müssten mehrsprachig
im Unterricht arbeiten, interkulturelles Lernen in den Mittelpunkt
stellen und die Muttersprachlichen Lehrer als gleichberechtigte
Lehrkräfte einsetzen. In der Grundschule hat sich besonders die
zweisprachige Alphabetisierung bewährt, bei der die Migrantenkinder auf
Deutsch und in ihrer Muttersprache gleichzeitig alphabetisiert werden.
Der Muttersprachliche Unterricht ist hier eine wichtige Brücke zum
Erlernen der deutschen Sprache. Ein solches Vorgehen nutzt auch den nur
deutschsprachigen Kindern: schon früh kommen sie mit einer Fremdsprache
in lebendigen Kontakt, sie lernen, wie Sprachen funktionieren und
erwerben so eine sprachliche Sensibilität, die ihnen beim Erlernen der
Schriftsprache Deutsch und auch beim Fremdsprachenunterricht helfen
kann. Das Problem ist: viele Schulen bleiben für Migranten
verschlossen, sie entwickeln erst gar keine Angebote, die auf die
spezifischen Fähigkeiten oder Bedürfnisse dieser Kinder eingehen und
sie entsprechend fördern. Was nutzt der Transport in eine andere
Schule, wenn die nicht in der Lage ist, konstruktiv mit
Mehrsprachigkeit umzugehen?
Wesentlich ist es, Programme zum zweisprachigen Lernen aufzulegen, neue
Formen des Deutschlernens zu organisieren und entsprechend
flächendeckende Lehrerfortbildungen zu organisieren. Dazu gehört eine
besondere Versorgung der auf diese Weise arbeitenden Schulen mit
Personal aus den Stellen, die das Land zusätzlich zur Verfügung stellt:
Muttersprachlicher Unterricht, Integrationshilfestellen.
Ohne eine Veränderung des Unterrichts machen Schülertransporte wenig Sinn.
Dazu kommt: Die frühe Selektion an den NRW-Schulen nach der 4. Klasse
ist gerade auch für Migrantenkinder schädlich. Die internationale
Forschung belegt: die Begleitung des Erlernens der Zweitsprache (in
unserem Falle also Deutsch) durch die Muttersprache dauert 5-6 Jahre,
wenn sie tatsächlich effektiv sein und zu gesicherten zweisprachigen
Kenntnissen führen soll. Das Selektieren nach Klasse 4 wird dem
Lerntempo der Migrantenkinder nicht gerecht und schiebt viele auf die
Hauptschule ab, die auf diese Weise zu einer Restschule mit hohem
Migrantenanteil verkümmert. Spätestens in der Sekundarstufe wird der
Quotengedanke absurd: Sollen Schülerinnen und Schüler der Hauptschule A
mit einem Migrantenanteil von 60% auf die Hauptschule B mit einem
Migrantenanteil von 55% wechseln?
Entscheidende Hebel zur Verbesserung der Schulerfolge der Migranten
sind eine Verbesserung der Qualität des Unterrichts und eine
Überwindung der strengen Selektion nach der 4. Klasse. Mit
entsprechenden Programmen könnte man auch die Schulen für eine Öffnung
zu den Migrantenkindern motivieren, die sich dem bislang verschließen.“