PISA-Ländervergleich
Stellungnahme der LAGA NRW zum Pisa-Ländervergleich
Die soziale Herkunft entscheidet in Deutschlands Schulen stärker als früher über den Schulerfolg eines Kindes.
Dies ist nach Aussage von Tayfun Keltek, Vorsitzender der LAGA NRW, die Erkenntnis aus der neuen PISA-Studie.
Schon im Februar 2002 hat die LAGA NRW in dem Heft „Pisa macht alle wach!“ gesagt:
Kosmetische Verbesserungsbemühungen in unseren Schulen in den letzten Jahren haben nicht dazu beigetragen, unseren Kindern zu mehr Chancengleichheit zu verhelfen. Gleichen Wissensstand und Intelligenz vorausgesetzt, ist die Chance, dass ein 15 Jahre alte Schüler aus reichem Elternhaus das Gymnasium besucht ,vier Mal so groß wie für einen anderen Schüler im selben Alter aus einer ärmeren Familie. Für unser Land ist es wichtig, das Potenzial aller Kinder maximal auszuschöpfen. Ein Land, das keinen besseren Rohstoff als Bildung, Wissen und Wissenschaft hat, darf mit diesen geistigen Ressourcen nicht so umgehen. Dieser Zustand in unserem Bildungssystem führt zur Spaltung der Gesellschaft und gefährdet unsere Zukunft.„Die im Dezember 2001 veröffentlichte Pisa-Studie hat es mit aller Deutlichkeit gezeigt: Die Schulerfolge der Migranten geben zu großer Sorge Anlass. 20% der getesteten Schüler und Schülerinnen haben elementare Probleme beim Lesen, in keinem anderen Land war der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Schulerfolg so deutlich, wie in Deutschland. Die Schule verlängert die vorhandene Chancenungleichheit in die nächste Generation. Von diesem Befund sind die Migranten in besonderer Weise betroffen. All das kann sich ein hoch entwickeltes Land wie die Bundesrepublik Deutschland auf Dauer nicht leisten. Die Debatte muss von Deutschen und Migranten gemeinsam geführt werden. Wir bringen dabei unsere Kenntnisse der Probleme mit ein und die Bereitschaft, bei der Umsetzung Verantwortung zu übernehmen.“
Die Kinder können sich ihre Eltern nicht aussuchen. Unabhängig von
ihrem Elternhaus müssen Kinder eine faire Chance haben, sich entfalten
zu können. Unsere Schulen müssen in die Lage versetzt werden, auf die
Stärken und Schwächen der Kinder gleichmäßig eingehen zu können. Auf
diese Weise ist es möglich, sie individuell zu fördern. Anstatt eines
gegliederten Schulsystems brauchen wir eine integrierte
Sekundarstufenschule.
Zu den Stärken der Migrantenkinder gehört ihre natürliche
Mehrsprachigkeit. Diese Kompetenz auszublenden, führt zu folgenschweren
Misserfolgen dieser Schüler. Jeder Sprachwissenschaftler, der sich mit
diesem Thema intensiv befasst, kann diese Aussage bestätigen. Zumindest
müssen muttersprachliche Kompetenzen als Mittel für das Erlernen der
Unterrichtssprache Deutsch eingesetzt werden. Die Kürzung der
Lehrerstellen für den muttersprachlichen Unterricht war daher ein
großer Fehler.
Es gilt daher folgende Erkenntnisse endlich umzusetzen:
- Die Migranten sind ein integraler Bestandteil der heutigen
Schule. Wir brauchen deshalb eine Didaktik und Methodik des Lehrens und
Lernens in heterogenen Klassen, also Klassen, in denen Kinder und
Jugendliche mit unterschiedlichen Muttersprachen, Deutschkenntnissen,
Religionen, Herkunftskulturen, Lerntempos oder Interessen sitzen. Die
Einrichtung von externen Fördergruppen macht auf die Dauer wenig Sinn.
Wir brauchen darüber hinaus unbedingt eine flächendeckende Lehrerfortbildung zum sprachlichen Lernen im deutschen Fachunterricht. Ein Studium von deutsch als Zweitsprache muss integraler Bestandteil der Lehrerausbildung werden.
- Beim Blick auf die Migranten brauchen wir einen
Perspektivwechsel: Statt immer nur ihre Defizite aufzulisten, müssen
auch ihre besonderen Fähigkeiten berücksichtigt werden. Dies gilt
insbesondere für ihre Mehrsprachigkeit und ihre vielfältigen
Lebenserfahrungen, die in eine spannende interkulturelle und
interreligiöse Debatte an den Schulen eingebracht werden können.
Dringend nötig ist ein Konzept für die Erteilung des
Muttersprachenunterrichts der an den Regelunterricht angebunden werden
muss.
- Innovationen laufen dann ins Leere, wenn sie nicht begleitet werden durch systematische Umsetzungsstrukturen auf Landes- und kommunaler Ebene. Die Probleme lösen sich nicht im Selbstlauf, Lösungsvorhaben müssen planvoll gestaltet werden. Deshalb müssen auf kommunaler Ebene regionale Bildungsbüros entstehen, die mit entsprechendem Personal ausgestattet sind und die Schulen bei der Umsetzung begleiten.